rötlichbraun von der Sonne beschienene Felsen im Abendlicht

Fernweh und Klimaschutz

Fernweh und Klimagewissen

Flugreisen in weit entfernte Weltregionen sind im Trend. Es sind insbesondere die bildungsorientierten Mittelschichtsfamilien, die mit einigem Stolz ihre gerade erwachsenen Söhne und Töchter nach dem (G8-)Abi auf eine selbstgeplante Weltreise ziehen lassen. Daran ändert auch das bedrohte Sicherheitsgefühl nichts. Zeitweise kommen Arbeitsanteile hinzu oder legen das Ziel fest. So zum Beispiel bei Programmen wie bei Work & Travel, Praktika in Kinderheimen oder Umweltschutzprojekten.

Gap year: je exotischer desto besser

In meinem Umfeld sind es beispielsweise 5 von 6 Nichten und Neffen, die derzeit reisen (Asien/Australien) oder weltweit gereist sind (Asien/Afrika/Südamerika) oder in weit entlegenen Hofprojekten gearbeitet haben (Lofoten, Westkanada). Enge Verwandte reisen im Sommerurlaub nach Jamaika oder Malaysia, ein Bekannter besucht eine Konferenz in der Südsee. In der EU-Behörde ihres Freundes gerät eine (noch) in London lebende Freundin unter Rechtfertigungsdruck, da sie dies Jahr nur in (Ost-)Europa verreist. Hier gehen ganze Familien zum Tauchen auf die Galapagosinseln – Reisen als soziale Distinktion in Kreisen, in denen das Geld nicht der limitierende Faktor ist.

Europa als Sehnsuchtsort

Fühlten wir uns (in der Altersspanne 18-30) weltoffen und frei, dann reisten wir per Interrail durch Europa oder steuerten ein Auslandsjahr im Studium an. Wenige von uns gingen ein ganzes Schuljahr in die USA oder als Aupair nach Frankreich. Aber heute? Möglichst weit weg, exotisch und individuell. Allerdings strichen meine beiden Nichten symbolträchtige Orte von der Sehnsuchtsliste (Australien, Neuseeland), weil dort die „halbe Jahrgangsstufe“ sich versammeln könnte.

Löffelliste?

Und bei mir, bei uns? Gibt es eine Löffelliste (bucket list – vor dem Tod noch zu erreichende Liste) der Ziele? Ich kenne jemanden, der Dreijahres-Wunschziellisten führt und sie „abarbeitet“ – mit großer Begeisterung. Füllt das Reisen, oder überhaupt, die Erlebnishuldigung, unseren Hunger nach Sinn und Erfüllung? (Felix Ekardt in der ZEIT vom 19. April 2018 –
https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-04/fernreisen-tourismus-umweltschutz-reisen-nachhaltigkeit-sinnsuche?wt zmc=sm.ext.zonaudev.mail.ref.zeitde.share.link.x

Weltklima

Wie können wir, angesichts der Weltklimaentwicklung, des CO2-Anstiegs und des Abschmelzens des Grönlandeises, überhaupt noch aus Spaß und touristischer Neugier in ein Flugzeug steigen? Können wir unser aufkeimendes schlechtes Gewissen beruhigen, indem wir Regenwaldprojekte aufforsten lassen durch Spenden? Eine Frau aus meinem Netzwerk sagt, dass sie es angesichts der zunehmenden, und nur weltweit lösbaren Krisen gerecht und angebracht findet, dass die jungen Leute heute so viel und so weit reisen.

Derzeit kann ich mir nicht vorstellen, auf längere Sicht auf Fernreisen zu verzichten. Denn in mir keimt– nach Jahren der Familienreise an die deutsche/holländische Nordsee- das Fernweh. Ich möchte eines nicht allzu fernen Tages unbekannte Weltregionen kennenlernen, am liebsten sehr entschleunigt, beim Wandern oder Fahrradfahren, mit Sprachkenntnissen und Lebenserfahrung an Bord. Ich habe keine klare Antwort auf die Frage, wie Weltoffenheit mit Klimaschutz vereinbar sind..

Einstellmöglichkeit Impact

Testfahrt gefällig?

Erst mal vorweg: Sport wird in der gegenwärtigen Lebensphase als Stimmungsregulativ immer wichtiger. Als Ausgleich zum Schreibtischsitzen jogge ich bequeme Waldstrecken, begleitet vom Gespräch mit den Kolleginnen aus meiner Whatsapp-Laufgruppe. Es ist schon einige Jahre her, da bin ich 120km am Tag auf dem Fahrrad gefahren. Tagestouren von 80-100 km waren keine Seltenheit in einem Fahrradurlaub an der Loire in Frankreich.

Argumentationsstrategie

Diese Vorwärtsverteidigung gehört dazu, wenn ich als Mittvierzigerin den Freunden verkünde, ab nun mit dem Pedelec zu fahren. Entgeisterte Blicke („Du bist doch keine Rentnerin!“), Naserümpfen bis hin zum betretenen Augensenken von den echten Radfahrern, die täglich 20-40km zur Arbeit pendeln. Innerlich sehen sie mich schon im grau-beigen Tarnanzug kleine Hügel hochsurren und umbarmherzig klingelnd an ihnen vorbeiziehen. Doch bitte täuscht euch nicht: Mittlerweile trainieren auch die sportlich Ambitionierten in den Alpen mit Elektrorädern. Und ich möchte – in der ländlichen Siebengebirgsregion wohnend – häufiger und bequemer weitere Strecken fahren, als Brückenschlag zu einem neuen Verständnis der Mobilität, weg vom Verbrennungsmotor. Wenn ich dazu einen Akku brauche ist das auf jeden Fall besser, als allein im Auto durch die Gegend zu fahren und Zeit bei der Parkplatzsuche zu verlieren…

Ausprobieren lassen als Trumpfkarte

Als Trumpfkarte in der Argumentation hat sich mein Angebot erwiesen, den sportlich Trainierten eine Testfahrt anzubieten (die weniger sportlichen Naturen sind sowieso auf meiner Seite, fahren aber kaum Rad). Meine erste Probandin brachte das Rad tagelang nicht zurück (es regnete). Sie beschwerte sich über den Sattel und wenige Wochen später hatte sie ihr eigenes S-Pedelec in der Designvariante ausgewählt, mit dem sie nun täglich ihren Freiraum auf dem Weg zur Arbeit auskostet. Der Arbeitgeber beteiligt sich. Die zweite Probandin, großstadterprobte Radlerin, kam mit leuchtenden Augen zurück: sie hatte ein besonders schönes Licht am Abend erlebt und war hingerissen vom Fahrgefühl. Die dritte, sportliche Probandin habe ich auch schon unauffällig angesprochen…

Motivationsschub

Vor meinen ersten Testfahrten wusste ich nicht, was für ein innerer Motivationsschub durch das Fahren mit Rückenwind entsteht. Unterstützung, wenn Du möchtest – bei moderater Bewegung und sportliche Anstrengung, wenn Du willst (4 Stufen der Unterstützung, Du kannst auch ohne Elektroantrieb fahren, musst dann allerdings 23kg Rad durch die Gegend bewegen). Umwege und schönere Strecken ohne höheren Kraftaufwand, gewünschte Schnelligkeit, Gelenkschonung und Fitnessausgleich bei Ausflügen mit den „echten Sportlern“.

Höhen und Tiefen im Testjahr

Nach einer Anlaufzeit von ca. einem Jahr, in dem ich neue Strecken kennenlernte, eine Fahrradgarage am Bahnhof mietete und Lehrgeld bezahlte (der Bordcomputer wurde mir am Rheinufer gestohlen) ist mir das Rad teurer und geliebter Bestandteil des Alltags geworden, auch in den Wintermonaten (die im Rheinland meist grau und schneefrei ausfallen). Ich leide körperlich, wenn ich – ohne Personen oder Einkäufe transportieren zu müssen – in die Innenstadt mit dem Auto fahren muss. Nach Möglichkeit parke ich dann an Knotenpunkten und fahre mit Bus und Bahn weiter. Wildfremde Menschen sprechen mich an und geben zu verstehen, dass sie auch mit dem Kauf liebäugeln, die Kosten allerdings scheuen (ca. 2 TE für ein Standardmodell Pedelec im Fachgeschäft, im Kaufhaus die Hälfte, Grenzen nach oben offen).Probieren Sie es selbst. Als selbst ernannte Botschafterin des elektrischen Fahrens leihe ich Ihnen gern mal mein Rad, wenn Sie es schnell wieder zurückbringen.

Ob E-Bike oder Pedelec hängt von ihrem Streckenprofil und dem gewünschten Radius ab. Es gibt wohl 6-7 Klassen, was die Stärke der Motorisierung angeht, die Kennzeichenpflicht, das Fahrradwegverbot (E-Bikes) oder die reine Trittunterstützung (Pedelec). Im allgemeinen Sprachgebrauch scheint sich die Variante „Elektrorad“ oder „E-Bike“ stellvertretend für alle Varianten durchzusetzen.

Caroline Meynen