Blick auf den Fluss Spree am Abend, in der untergehenden Sonne ist der Ferrnsehtum zu sehen

Berlinreise mit Kindern

Berlinreise mit Kindern… zu Pfingsten…

Erstmalig wagen wir als Familie eine Bahnfahrt in die deutsche Hauptstadt. Unsere Kinder (im Alter von 6 bis 12) wachsen in der ländlichen Umgebung von Bonn auf – Stadtbesuche in Großstädten standen bisher nicht auf ihrem Programm. Ich habe mir Vieles im Vorfeld überlegt, mit Leuten gesprochen, verfüge über eine Ideenliste und einen gedruckten Stadtführer. Trotzdem möchte ich Raum für Spontanes lassen und die Stadt auf Augenhöhe der Kinder neu entdecken. Wir hegen nicht die Absicht, touristische Highlights „abzuarbeiten“.

Spreefahrt durch Mitte

Sehr unterhaltsam finde ich die Fahrt mit dem Berolina-Schiff über die Spree. Wir starten an der Jannowitzbrücke und erreichen in anderthalb Stunden das Schloss Charlottenburg. Bei warmer Witterung fassen wir an die zahllosen Brückendecken, die wenige Zentimeter über unseren Sonnenschutzkäppis vorbeigleiten. Baukräne zur Linken, spektakuläre Regierungsarchitektur zu beiden Seiten in Mitte – all das zieht im gemächlichen Tempo des Schiffsreisenden an uns vorbei. Wir lassen, wieder an Land, das hell glänzende Schloss Charlottenburg auf der Rechten liegen. Im waldigen Schlosspark ist das Mausoleum der Königin Luise mein Ziel – ich genieße den stillen Moment, umhüllt vom Rosenduft des davorliegenden Rondells. Alle Anderen, auch die unermüdlichen Jogger, scheinen derweil Schattenplätze aufzusuchen– das Wetter ist die ganze Woche sommerlich. Nach einem erfrischenden Bad im Schlachtensee (mit brütenden Blesshühnern zur Linken) genießen wir die warme Abendsonne im Loretta-Biergarten (S-Bahnhof Wannsee). Selbstbedienung mit Currywurst oder Matjes an Ofenkartoffel, kühle Getränke, das begeistert alle.

Wohnen im Hostel

Nur die Sehnsucht nach dem W-LAN lässt den 12-jährigen zum Aufbruch drängen. Ihn zieht es zurück in unser Hostel in Kreuzberg-Neukölln. Nahe des Ostbahnhofs gelegen, bietet das Hostel für uns einen guten Ausgangspunkt nach Mitte und Kreuzberg. Das Familienzimmer ist sauber und ruhig, niemand lärmt auf unserem Gang, der gerade mit einem neuen, stark ausdünstenden Teppich ausgekleidet wird. Vor dem hoch aufragenden Plattenbau, in der 24h geöffneten Lobby und im Frühstücksraum verliert man allerdings vor lauter Jugendlichen, die raumgreifend sich selbst inszenieren, schnell den Überblick. Das All-You-Can-Eat Büffet wird zum Suchspiel, bei dem die beiden Mädchen am ersten Tag keinen Bissen herunterbringen vor lauter Ablenkung.

Mit Bahn, Tram und Bus in der Stadt unterwegs

Das Gondeln durch die Stadt klappt von Tag zu Tag besser. Wir nehmen alle Verkehrsmittel, die sich uns mit dem AB-Tagesticket im stets flüssigen Takt bieten (Tram, Bus, S/U-Bahn, Zug, Schiff), um die Laufstrecken für die Kinder zu verkürzen. Wir lernen, auf aggressiv auftauchende Radfahrer an den Kreuzungen zu achten und uns über die knallbunten Leihfahrrädern kaum noch zu wundern. Wir schieben nach einem mehrstündigen Besuch im Naturkundemuseum (T-Rex, Planeten-Show, eingelegte Fische in Formalin, ausgestopfte Tiere in Farbenpracht, Mineralien zum Anfassen) einen Besuch bei Subway ein (am Tag zuvor waren wir sogar bei McDonalds.). Ihrerseits machen die Kinder unsere Besuche beim Inder in Charlottenburg und das Stäbchenessen (mit Lernhilfe) beim feinen Chinesen als Ausflug in eine andere Kultur klaglos mit…

Museumsbesuch 360 Grad

Wir besuchen am nächsten Tag das Jüdische Museum und werden für die Renovierung von zwei Gängen der Dauerausstellung fürstlich entschädigt: eine 15 Räume umfassende Sonderausstellung zu Jerusalem in seinen geschichtlichen, religiösen, politischen, städtebaulichen Dimensionen für die drei Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) lädt zum Erforschen ein. Durch Audio Guide und Filme, historische Visualisierungen etc. ist das auch für 6-Jährige nicht langweilig (auch wenn die Teleskope nicht in Kinderhöhe angeboten werden). Gekrönt wird unser Besuch durch vier für Arte produzierte 360 Grad Videos über Szenen aus dem heutigen Leben in Jerusalem (Länge 6-7 Minuten), die wir mit VR Brille und Kopfhörer, den Kopf in alle Richtungen drehend, miterleben. Für mich und den 12-jährigen ein Highlight des gesamten Besuchs. Mein Fazit: Nächstes Jahr will ich wieder mit den Kindern eine Stadt besuchen, wie wäre es mit Paris? Und nach Berlin fahre ich dies Jahr bestimmt auch noch mal – auch wenn diese stets etwas großspurige Stadt mit ihrer Bautätigkeit, den Touristenmassen und dem kollabierenden Verkehr an ihre Grenzen gekommen ist.

Caroline Meynen